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Gehört dieses grässliche Geräusch wirklich zu mir? Warum die eigene Stimme auf Aufnahmen immer ungewohnt klingt

11
Mrz

„Ich bespreche meinen eigenen Anrufbeantworter nicht, denn falls ich mal zu Hause anrufe und niemand ans Telefon geht, muss ich mich selbst hören.“, erzählte mir ein Freund neulich. „Dieses grässliche Geräusch gehört nicht zu mir.“, fuhr er fort. Diese Reaktion hört man immer wieder, wenn Menschen sich selbst auf Band hören. Auch ich als Linguist habe von diesem Problem schon häufig gehört.

3C-Eigene-Stimme

Sprechen ist nichts anderes als die Produktion von Schallwellen, die dorthin gelangen, wo sie hingelangen sollen – nämlich in das Ohr des Gegenübers. Dessen Trommelfell wird in Schwingungen versetzt und so entsteht seine Hörempfindung. Der Sprecher nimmt diese Schallwellen selbst auch wahr – aber im Gegensatz zum Gegenüber nicht nur diese. Denn zusätzlich hört er sich auch noch „innerlich“. Der Schall nimmt beim Sprecher nicht nur den Umweg über die Luft und die äußeren Schallwellen, sondern er verbreitet sich außerdem innerhalb des eigenen Körpers über die Knochen und gelangt so an das Innenohr. Diesen Prozess nimmt nur der Sprecher selbst wahr. Ein Sprecher hört sich also immer zweifach. Bei einer Ton- oder Videoaufnahme fällt das „innere Hören“ jedoch weg, sodass beim Sprecher der Eindruck entsteht, die Stimme klinge aufgenommen ganz anders. In Wirklichkeit ist die Stimme auf dem Band vielmehr die, die seine Mitmenschen immer hören. Und die kann eigentlich gar nicht so schlimm sein, denn wie viele Leute haben sich schon über Ihre Stimme beschwert, wenn Sie ganz normal geredet haben? Wahrscheinlich die Wenigsten. Das ist der physikalische Teil der Erklärung, warum die eigene Stimme bei Aufnahmen anders wahrgenommen wird.

Eine weitere Erklärung ist technischer Natur. Männliche Stimmen haben einen Grundton von etwa 125 Herz (Hz), der Grundton weiblicher Stimmen liegt bei etwa 250 Hz. Insgesamt umfasst die menschliche Stimme eine Bandbreite von 80 bis 12000 Hz. Durch die Übertragung auf ein Aufnahmegerät werden die Amplituden, die im Bereich von 1200 bis 3000 Hz liegen, verkleinert. Diese Frequenzverkleinerung führt dazu, dass die eigene Stimme bei Aufnahmen anders wahrgenommen wird. Ein weiterer, allerdings externer Faktor ist natürlich auch die Qualität des Aufnahmegerätes.

Die gute Nachricht für meinen Freund und für alle, die sich ebenfalls ungern auf Aufnahmen hören, ist also, dass die eigene „Tonbandstimme“ gar nicht so schrecklich klingt. Stattdessen ist sie für die Mitmenschen die „Normalstimme“. Es ist alles eine Frage der Gewöhnung: Je mehr Aufnahmen Menschen von sich selbst hören, desto vertrauter wird die eigene Stimme. Sie ist sozusagen das „hörbare Äußere“ einer Person. Mit ihrem sichtbaren Äußeren sind die Menschen vertraut, denn man sieht sich selbst jeden Tag (mehrmals) im Spiegel. Dazu füllen Bilder der eigenen Person ganze Fotoalben bzw. Gigabyte. Aber wie viele Tonaufnahmen haben Menschen von sich selbst? Im Vergleich zur Anzahl an Fotos sind das deutlich weniger.

Doch es ist ganz leicht, sich an die eigene Tonbandstimme zu gewöhnen. Hat man einmal seine Scheu überwunden, die eigene Stimme aufzunehmen und anzuhören, ist die schwerste Hürde schon erledigt. Eine Übung zur Gewöhnung ist zum Beispiel, wöchentlich seinen Anrufbeantworter oder die Mailbox neu zu besprechen – und sich das Ganze dann natürlich auch regelmäßig anzuhören.

Die ganz Mutigen (oder die Fortgeschrittenen) nehmen sich selbst beim Vorlesen eines beliebigen Textes auf. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass man dabei ganz nebenbei auch noch die Stimm-Modulation trainieren kann – und das kann ja besonders in einem Callcenter nie schaden.

elmar-tammer@3c-dialog.de'

Author: Elmar Tammer

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