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Der Bundestag und die Callcenter

15
Nov

Callcenter sind ein Politikum. Wirft man allein einen Blick auf die Internetseite des Bundestags und sucht nach dem entsprechenden Stichwort, finden sich dort 81 Ergebnisse zum Thema, davon sind 45 Drucksachen. Vor allem die Linke ist – nicht erst seit Inkrafttreten des Gesetzes zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung – äußerst engagiert, was die Situation in Callcentern angeht. Und so manche Forderung, die von ihr in einer der vielen Kleinen Anfragen an die Bundesregierung gestellt wird, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Manche jedoch wird sich wohl dennoch nicht umsetzen lassen.

Vor allem die Arbeitsbedingungen und das Lohngefüge in Callcentern sind immer wieder Gegenstand der Diskussion. Und dass eine Branche (mehr zu diesem Begriff später), die Milliardenumsätze erwirtschaftet, in Teilen nicht bereit ist, ordentliche Löhne zu zahlen und ihren Mitarbeitern anständige Rahmenbedingungen zu bieten, ist natürlich ein Aufreger. Dass Bund und Länder zudem noch Millionenzuschüsse geben (2009 waren es 18,28 Millionen Euro), um ausgerechnet in Niedriglohn-Regionen Callcenter aufzubauen, ebenso.

Und so fordert die Linke schon seit längerem, endlich einen branchenweiten Mindestlohn von 7,50 Euro durchzusetzen, wie er etwa von walter services und ver.di als Haustarif beschlossen wurde. Grundsätzlich durchaus richtig. „Ich kann mir keine telefonische Dienstleistung vorstellen, die nicht mindestens 7,50 Euro wert ist“, sagte mir 3C-Geschäftsführer Walter Benedikt kürzlich in einem Gespräch. Würde sich 3C jedoch strikt an diesen Mindestlohn halten, wäre unser Callcenter schnell leer. Für einen solchen Stundenlohn bekämen wir an unserem Standort nie derart qualifizierte Mitarbeiter, wie wir sie haben und brauchen. Darüber, dass die Linke in diese Debatte eine aktuelle Umfrage als Argument nutzt, nach der jeder zweite Callcenter-Betreiber die Kosten senken wolle, braucht man eigentlich kaum reden. Welcher Unternehmer will das nicht?

Im gleichen Atemzug schreibt die Linke in ihrer bislang letzten Kleinen Anfrage vom 17. September: „Die Arbeitgeber weigern sich, einen Arbeitgeberverband zu gründen, obwohl es mit dem Deutschen Dialogmarketing Verband e. V. (DDV) und dem Call Center Forum Deutschland e. V. (CCF) zwei große Lobbyverbände gibt, die als Arbeitgeberverbände agieren könnten.“ Noch so ein schöner Gedanke, dessen Umsetzung jedoch schon deshalb schwierig werden dürfte, weil sich die Callcenter-Branche kaum definieren lässt. 3C DIALOG ist ein Callcenter-Unternehmen, so weit, so gut. Und bei walter services, um bei diesem Fall zu bleiben, dürften auch keine Zweifel bestehen. Gleich bei uns in der Nachbarschaft jedoch sitzt beispielsweise die Reisebüro-Abteilung eines großen Kreditkartenunternehmens. Ein Callcenter? Und wie sieht es – um provokant noch ein Stück weiter zu gehen – mit Polizei oder Feuerwehr aus? Handelt es sich bei den Mitarbeitern der Telefonzentralen um Callcenter-Angestellte? Kurz: Die Callcenter-Branche gibt es – mit Ausnahmen – nicht. Und nur diese in einem Arbeitgeberverband zusammenzuführen, wäre sicherlich zu wenig.

Genauso wenig nun, wie es die Callcenter-Branche gibt, gibt es das typische Callcenter. Zwar scheint die Linke der Meinung zu sein, die Arbeitsbedingungen in Callcentern seien grundsätzlich schlecht und die Beschäftigten würden prinzipiell dequalifiziert, beides jedoch weist auch die Bundesregierung vollkommen zurecht zurück. Sie verweist zum einen auf die zunehmende Professionalisierung der Belegschaft – unter anderem durch die Schaffung der Ausbildungsberufe „Servicekräfte für Dialogmarketing“ und „Kaufleute für Dialogmarketing“, die beide seit 2006 enormen Zuwachs erleben und mit denen auch 3C bereits sehr gute Erfahrungen gemacht hat, zum anderen auf den „Ehrenkodex Telefonmarketing“ des CCF, der immerhin einen ersten Schritt in die richtige Richtung darstellt – auch wenn viele Formulierungen darin noch zu weich und mögliche Sanktionen zu ungefähr bleiben. Und auch Maßnahmen wie das Gütesiegel, Informations- und Beschwerdeportale werden von der Regierung als Positivbeispiele genannt.

All dies sind Maßnahmen, um das schlechte Image, das der Branche durch „Betriebe, die mit unlauteren Methoden arbeiten“ (Zitat Bundesregierung) entsteht, ins rechte Licht zu rücken. Nicht dadurch, dass man die Probleme schön redet, sondern indem man sie aktiv bekämpft. Gemeinsam, mit Hilfe der Politik und im Gespräch mit Mitarbeitern, Kunden und Unternehmen. Und vor allem: Indem viele Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen.

Foto:  Jacob Poul Skoubo / flickr / cc-by-nd

florian-blaschke@result.de'

Author: Florian Blaschke

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